CHIENS & VOUS

Ein Tripp durch die Region Toulon

 

Meine Fahrt in die Provence lässt mich an einer Autobahnraststätte nahe Avignon einen Tankstopp einlegen. Es ist Winter gegen 17 Uhr, die Sonne verschwindet hinter den sanften Hügeln und taucht die Landschaft in ein grelles rotgold. Ich atme tief durch, der Mistral weht mir um die Nase, eisiger frischer Duft durchtränkt jede Faser meines Körpers. ‚Leben wie Gott in Frankreich‘ , ja Gott muss wohl eine besondere Affinität zu Frankreich gehabt haben, schiesst es mir durch den Kopf, denn diese Landschaft ist schlicht und ergreifend bezaubernd. Kein Wunder dass sich hier viele Künstler niedergelassen haben, um immer wieder diese besonderen Lichtverhältnisse auf Leinwand zu bannen.


Nach einer kurzen Rast geht es weiter. Mein Ziel ist Sanary sur Mer. Das Auto, vollbepackt wie ein Muli um die Wintermonate zu überrunden, biegt wieder auf die Autoroute Soleil gegen Süden. Ich muss mich auf den Verkehr konzentrieren, was mir hier einigermassen schwer fällt, da die reizvolle Umgebung meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Autoradio werden schon abschnittsweise ‚Bouchons‘ ab Aix gemeldet. Ja, es ist Freitag Abend und tout la France staut Richtung Küste, oder von der Arbeit ins wohlverdiente Wochenende. Kurz nach 19 Uhr komme ich erschöpft und glücklich endlich mein Ziel erreicht zu haben in Sanary an.

 

 Nach einigen telefonischen Verständigungsschwierigkeiten ist der Treffpunkt mit der Vermieterin vereinbart. Die Vermieterin, eine quirlige Dame mit dem typischen Accent des Midi erwartet mich schon am vereinbarten Treffpunkt und lotst mich im Affentempo durch die engen Gässchen bis zu meiner Herberge für die nächsten Monate führen. Geschlaucht und glücklich endlich am Ziel zu sein, schleppe ich meine Habseligkeiten in die kleine Souterrainwohnung und falle schlußendlich todmüde ins Bett.


Sanary sur Mer ist ein äusserst reizvolles Städtchen mit authentischem Ortskern an der Cote d'Azur , dessen Hafenskyline vom trutzigen ‚Hotel de la Tour‘ in dessen Mitte der mittelalterliche Turm prangert, beherrscht wird. Früher zur Verteidung der Rade errichtet, beherbergt er heute das Museum das sich der Geschichte des Tauchens widmet. Im 1898 eröffneten Hotel stiegen in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts viele Exilanten der intellektuellen Szene ab, einige blieben nur eine Nacht, andere quartierten sich für längere Zeit ein .
Direkt an der Uferpromenade gelegen, schaukeln bei aufgehender Morgensonne im Hafen die kleinen Fischerboote vor sich hin. Nichts lässt hier erahnen, dass hier im Sommer Touristenschwärmen wie Ameisen einfallen. Fischer flicken ihre Netze, der Fang wird eingebracht und am Markt zum Verkauf feilgeboten, alte Männer halten ein Schwätzchen und geniessen auf den Parkbänkchen der proper gefegten Promenade die ersten Sonnenstrahlen. Nahe dem ‚Office de Tourism‘ klacken im Hintergrund am Bouleplatz die ersten Petanquekugeln und aus der Patisserie steigt mir der süße Duft von frischgebackenen Baguettes und Tartes entgegen.
Die vorgelagerten Inseln blitzen mir in der Morgensonne entgegen und bilden einen Fixpunkt der den sonst, beinahe nahtlosen Übergang des Blau des Meeres und dem des Himmels, markiert . Im Zentrum liegt die Ile des Embiez , im Besitz des Pastisfabrikanten Paul Ricard , der hier ein pseudoprovencalische Feriendorf errichten ließ. Links davon die große und kleine Ile de Gaou, die durch eine Fußgängerbrücke mit dem Festland verbunden sind. Am Wochende rücken hier Heerscharen bewaffnet mit Picknickkörben an, und es wird im Schutz der windverdrehten, schattenspendenden Pinien getafelt dass sich die Tische biegen.


Am Hafen treffe ich auf Monsieur Robert, der mir schon strahlend entgegenwinkt, um ein kurzes Schwätzchen am Rande des trubeligen Marktes halten, bevor er auf seinen Krückendurch die engen Gassen nach Hause humpelt. 88 sei er diese Woche geworden erzählt er mir, sein Körper schmerze aufgrund der starken Athritis, aber bloss niemals aufgebensei sein Motto. Aufgebrezelt mit Hut, rosarotem Hemd und Designeranzug liebt er es seine Geschichten von früher zu erzählen, als er noch seinen Frisiersalon in Paris an der Place de Vendôme betrieb , in dem sich Models und Persönlichkeiten wie Mitterrand die Klinke in die Hand gaben. Jaaaa, die Damen, und ein Glitzern der Augen erstrahlt in seinem faltenzerknittertes Gesicht, verliebt sei er oft gewesen gesteht er mit einem verschmitzten Lächeln. So, jetzt müsse er aber nach Hause, seine Frau warte flötet er mir zu , klemmt flugs seine Krücken unter die Achseln, drapiert den Plastikbeutel mit den Baguettes um den Gehbehelf und verabschiedet sich mit einem strahlenden „ Je vous souhaite le meilleur jour dans votre vie, madame " und stöckelt von dannen.


Die Cafès am Hafen wie das ‚La Marine‘ , im ‚Lyon‘ und des ‚La Nautique‘ sind die Kaffeehausstühle ganz in französicher Manier, wie durch ein unsichtbares Lineal aufgefädelt. in den ersten morgentlichen Strahlen der Wintersonne schlürfen Einheimische, eingepackt in dicke Daunenmäntel, ihren ‚Café au lait‘. Spürbar ist die Tranquillité hier im Midi, sie überfällt mich wie ein plötzlicher Virus und ich fühle mich augenblicklich bemüßigt selbst einen Gang runterzuschalten.Ich lasse mich in einen der Kaffeehausstühle fallen, ordere einen Café und lasse die stimmige Kulisse an mir vorbeiziehen. Geschichte wurde in diesen Bars schon geschrieben, zumal zwischen 1930 und 1944 deutsche und österreichische Intellektuelle diesen Flecken Erde als Exil wählten.
Schon 1907 hatte Moise Kiesling die Provence entdeckt und sich in Sanary verliebt. Ihm folgte das befreundete Ehepaar Salmon, das schon vor Ausbruch des ersten Weltkrieges die westliche Cote d‘Azur als seine Heimat erwählte. In den 20er Jahren strömten Künstler aller Herren Länder in die Region und um Aldous Huxley bildete sich eine englische Kolonie. Einige von ihnen erregten den Unmut der Bevölkerung weil sie hinter verschlossenen Türen Abendgesellschaften organisierten und wurden vom Bürgermeister des Ortes verwiesen.
Nachdem Lion und Marta Feuchtwanger 1933 Sanary als Wohnsitz gewählt hatten, bildete sich eine wahre intellektuelle Flüchtlingskolonie des „Reichs" um sie herum. Die Feuchtwanger residierten in der Villa Valmer, wo sie unter anderem von Toller und Brecht besucht wurden, bis sie, wie auch so viele andere interniert wurden. Lion im Lager Les Milles 1939 und Marta im Lager Gurs. Lion entkam als Frau verkleidet und Marta wurde aufgrund von Kontakten freigelassen. Schliesslich konnten beide in die USA emigrieren. Unter anderem zog es Zelebritäten wie Heinrich und Thomas Mann, René Schickele, Julius und Anne-Marie Meier-Graefe, Arnold Zweig, Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel, Alfred Kerr, Hermann Kesten, Friedrich Wolf, Wilhelm Herzog, Rudolf Leonhard, Robert Neumann, Balder Olden, Willi Bredel, Franz Hessel, Alfred Kantorowicz, Ludwig Marcuse u.a. ins Exil der Côte d‘Azur.
Die, bei den besten Schneidern von Wien und Berlin gefertigten Tücher, waren viel zu warm für die südliche Sonne und nachdem klar wurde dass der Aufenthalt hier nicht bloß vorübergehend sein würde, sah man sich nach einer standesgemässen Bleibe um. Wer kein eigenes Dach über dem Kopf hatte, stieg im Hotel de la Tour ab. In der ‚Bar de la Marine‘ und im ‚Chez Schwob‘ (das heutige La Nautique) hielten die Intellektuellen Hof, diskutierten über Goethe und Schiller, schrieben, und wähnten wie lange der Spuk zu Hause wohl noch dauern würde. Brecht seinerseits trällerte am Tresen der ‚Marine‘ mit Inbrunst antifaschistische Lieder. Der reich bebilderte Taschenbuchführer „Sur les pas des Allemands et des Autrichiens en exil à Sanary 1933-1945" der im Office de Tourism um 3 Euro erhältlich ist, widmet sich ausführlich diesem Thema und beinhaltet zudem einen Plan der Wirkungsstätten.


Mittlerweile sind einige Monate ins Land gezogen, es ist Frühjahr geworden, ich habe mein Domizil näher ans Wasser verlegt, und bei der morgentlichen Promenade treffe ich auf bekannte Gesichter, die mir munter ein ‚Bonjour Madame, ca va‘ entgegenschmettern. Ja, freundlich und offen sind sie hier die Menschen im Midi, man bemüht man sich sogar, ob des starken Accent des Midi, in einem einigermassen verständlichen französisch mit mir zu kommunizieren. Einzig, das in die Länge gezogene OUIIIII , das sich anhört als ob ein Wiener raunzert ‚au WEEEHHHHH‘ sagt, bringe ich noch einigermassen authentisch und akzentfrei rüber. Unter Fischern höre ich noch öfter dass hier provencal gesprochen wird, wo mein schulfranzösisch die gleiche Wirksamkeit hat, als ob ich chinesisch gelernt hätte.


Sehr südländisch geht es mittwochs am Wochenmarkt mit seinen bunten Marktständchen her. Es klappert und scheppert wenn der Händler für Hausrat seine Töpfe und Pfannen, zwischen Schöpflöffel und elektrischem Messer, in den Blickpunkt des Interesses rückt. Und mit fester lauter Stimme ‚Poeeeelee, promotion‘ ruft. Daneben raspelt, hobelt, schnippelt ein neumodisches Küchengerät Gurken, Radieschen, Kartotten, bis sich ein bunter Haufen jeder Gemüsesorte angehäuft hat. Ich frage mich, wenn der Typ in diesem Tempo weiterschnippelt, was er wohl mit soviel zerkleinerten Gemüse anstellen wird?! Die Kitschläden im Hintergrund öffnen geräuschvoll ihre Rollläden und holen eifrig ihre Ware aus dem Versteck - mit ihren überladenen Angebot an allem was Mensch nicht braucht und trotzdem kauft. Der betörenden Duft provencalischer Gewürze steigt mir in die Nase und aus der anderen Richtung weht ein sanfter Duft von Gebratenem des Traiteurs, daneben fangfrischer Fisch .

Eine unvergleichliche Mélange an mediterranem Mischmasch und Savoir Vivre durchströmt den Marktplatz. Hetze hat hier niemand, was heute nicht erledigt werden kann, dann vielleicht morgen, oder nächste Woche .....


Es ist Wochenende und Mistral ist prognostiziert. Ich schnappe meine Canon um mich auf die Jagd nach Schnappschüssen an der ‚Brutal Beach‘ in Six-Fours-les-Plages zu machen. Der Strand von Bônnegrace. unweit des Stadtzentrums von Sanary-sur-Mer hat seinen Namen nicht von Ungefähr. Der breite und lange Sandstrand im Ortsteil ‚Les Lones‘ lässt bei Windstille nichts von seiner Inbrunst bei Mistral ahnen. Der von Westen wehende Mistral drischt die Wellen mit Gewalt an die Molen und lässt die Wellen in Meterhöhe brechen. Also verpacke ich mich wetterfest und lasse mich vom Wind im Laufschritt Richtung Surfspot wehen.


Das Meer mit seiner schäumenden Gischt und überschlagenden Wellen gleicht einem Streuselkuchen gespickt mit treibenden Surfern, in dem die bunten Segeln der Windsurfer hin- und herflitzen Beinahe mühelos gleiten sie wie Spielzeugsegel über die Wellen um in waghalsigen Stunts aus der Welle hochzuspringen um danach hinter der nächsten Tide wieder zu verschwinden.

 Ein spektakuläres Schauspiel für denjenigen der es wagt sich das Gesicht vom Sandsturm peelen zu lassen. Der Wind ballert mir um die Ohren, so dass ich Mühe habe meine Teleobjektiv gerade zu positionieren. Der Sturm peitscht die Tropfen des Meerwasser in mein Gesicht, das auf Haut und Kamera eine Salzkruste bildet. Trotz knallender Sonne sind meine Finger steifgefroren. Nach einer Stunde Fotos beschliesse ich genug zu haben und kämpfe mich gegen den Sturm Richtung nach Hause.

 

Das Departement Var zählt zu den touristisch übernachtungsstärksten Regionen Frankreichs. Wen wunderts, an Fülle und Abwechselung mangelts hier wirklich nicht . An der Küste, der Cote d'Azur, wo der Himmel im gleichen blau wie das des Meeres erstrahlt, seinen vorgelagerten Inseln, wie die Ile de Porquerolles, oder die vielen kleinen Inselchen und Halbinseln. Die malerischen Fischerdörfer, mehr oder weniger mondän, bourgois oder wie Saint Tropez ‚trés chic‘, einfache französische Küche in einem Landrestaurant oder Haute Cuisine beim Chef persönlich.

 

Enstpannungsurlaub unter Palmen, Sport- und Action, Kultur- und Entdeckungsreisen im Landesinneren, Klettern in den Calanques oder in den Gorges de Verdon, bizzarre Felsbuchten, das weite Grün des Landesinneren im Herzen des Var, romantische mittelalterliche Dörfer die auf Felsen trutzen und nicht zu vergessen, der AOC geadelte Wein der Region, der einen Besuch in den ‚Caves‘ allemal lohnt um das hier angebotene Tröpfchen zu verkosten.


Toulon, die Hauptstadt des Verwaltungsdepartements Toulon, wurde nach dem elenden Niedergang im 2. Weltkrieg wieder revitalisiert und der Bau- und Renovierungsboom hält an. Nachdem die Deutschen die Altstadt am Hafen dem Erdboden gleichgemacht hatten, entstanden diese typisch kastenförmigen Nachkriegsbauten, die das heutige, zugegebenermassen wenig romantische, Hafenbild von Toulon prägen.

Aber nein, das wars noch nicht, das andere Toulon versteckt sich einige Schritte weiter, da eröffnet sich eine von Leben durchtränkte Altstadt mit pittoresken Gässchen und dem grössten provencalischen Markt der Region. Der schlechte Ruf der Stadt hat sich schon längst revidiert und auch die früher zwielichten Viertel von Toulon sind mittlerweile genauso sicher wie die jeder anderen französischen Stadt.

Die Zeiten des Verfalls sind vorbei, die Plätze erstrahlen wieder im neuen Glanz, und auf der herausgeputzten Place Puget trifft man sich um gemütlich ein Schwätchen zu halten oder seine Mittagspause zu geniessen. Designerläden durchspickt von Ramschläden und Kaufhausketten reihen sich in den engen Gassen aneinander, was zur Folge hat dass die Mietpreise steigen und steigen.


Die Marine, auch heute noch größter Arbeitgeber der Region, hatte schon zu Zeiten Napoleons in Toulon einen zentralen Standpunkt. Die Rade von Toulon, umschlossen von der Halbinsel Saint Mandrier, und im Hintergrund von der Gros Cerveau Kette geschützt, wurde schon von Ludwig XII als strategisch äußerst wichtiger Hafen entdeckt, er ließ hier die ersten Bauten für einen Kriegshafen vornehmen und Richelieu gründete daraufhin hier der Sitz Kriegsmarine. 1942 versenkte die Marine ihre eigene Kriegsflotte im Hafen von Toulon, um nicht den einmarschierenden Deutschen in die Hände zu fallen. Wo im angrenzenden Werften La Seynes die Produktion von Kriegsschiffen auf Hochtouren lief , werden heute Luxushotels und Freizeitparks herausgestampft.


Sehenswert ist das Musée de Beaux-Arts nicht nur wegen seiner Sammlung zeitgenössischer Kunst, sondern auch um die einzigartige ‚Hardware‘ von Außen zu besichtigen, die am Boulevard de Strasbourg protzt. Leider wird in Ermangelung einer Umfahrungsautobahn der Durchzugsverkehr durch den Prachtboulevard Toulons geschleust und hinterlässt unschöne Abgasnarben an den neoklassizistischen Fassaden. Schöne Strände gibt's hingegen im Stadtteil Mourillon, und so manch gruselige Geschichte erinnert noch an das seinerzeit gefürchtete Gefangenenlager von Toulon. Victor Hugo verarbeitete die Eindrücke in seinem Roman ‚Les Miserables‘ wo Jean Valjean im ‚Bagne‘ von Toulon eingekerkert wurde nachdem er einen Laib Brot gestohlen hatte.


Den Hausberg Toulons, der Mont Faron, geht mühelos mit Auto oder Seilbahn zu erkunden. Von hier aus gibt's einen absolut gigantischen Ausblick über die Rade bis zum Cap Sicié, die Inseln Porquerolles, die Halbinsel Giens vor Hyeres, und der Halbinsel Saint Mandrier die übrigens erst im vorigen Jahrhundert versandet ist und ans Festland andockte.


Ich beschliesse am nächsten Morgen eine Tour rund um das Gros Cerveau Gebiet zu machen. Dieser berühmte Bergrücken der die Festlandwinde von der Küste abhält und deshalb den Gedeih der Weinreben des AOC Bandol begünstigt. Meine erste Station ist das niedliche Dörfchen Ollioules, dessen Name auf den Olivenanbau zurückzuführen ist. Heute lebt man nicht mehr von der Olive sondern von der Blume. Von hier aus werden täglich die Großmärkte mit Schnittblumen versorgt. Die eingekesselte, windgeschütze Lage machts, die den Gedeih von Pflanzen begünstigt. Am Flüsschen Repp entlang gelangt man zu den legendären Schluchten den „Gorges d'Ollioules" die sich vor Jahrtausenden in den Fels gefressen, und bizzarre Felsformationen hinterlassen haben. Im Mesozoikum entstanden diese natürliche Höhlen in denen sich prähistorische Menschen ansiedelten. Die Aushöhlungen im Charkakter herausgehämmerter Schlaghöhlen beherbergten zu Zeiten des ‚Grand Chemins‘, als durch Ollioules die Handelsstrasse führte, die gefürchteten Banditen die aus ihren Verstecken Reisende sowie Kaufleute überfielen, wie der zu Berühmtheit gelangte Gaspard de Besse.
Hoch über dem Altstädtchen wacht die Ruine des Feudalherrenschlosses Ollioules, da nach einer kurzen, steilen Schnauftour durch die engen mit schmucken Kunsthandwerkläden beladenen Gässchen, zu bestaunen ist. Wanderwütige können ihre Tour übers Gros Cerveau, bis zum Pointe Cerveau fortsetzten um schließlich beim Jardin Exotique in Sanary zu landen.

 Auf den terrassenförmig angelegten Grundstücken fallen Überreste vergangener Tage ins Auge, allerdings beinahe ausnahmslos auf Privatgrundstücken und nicht zugänglich. Zwei ausgeschilderte Wanderwege führen am Repp entlang - einer Richtung Meer, einer Richtung Schlucht. Im Office de Tourisme ist eine Skizze mit den Sehenswürdigkeiten erhältlich.
Nachdem wir die Gorges von Ollioules passiert haben, biegen wir rechts Richtung Evenos ab, hier schraubt sich die Strasse in engen Kurven durch Fels und Wald hoch und mit überwältigenden Einblicken in die Schluchten.

 

Hoch oben angelangt im mittelalterlichen Dörfchen Evenos lässt sich die Ruine am Wanderweg in kurzer Zeit umrunden. Auch hier gibt's einen genialen Ausblick - aber Achtung, die Abhänge sind nicht gesichert und es geht sehr steil bergab. Am Parkplatz warnt ein Schild in sämtlichen Touristenidiomen ja nichts im Auto zu lassen, Langfinger sind überall.

Ein typisch provencalisches Mas mit schattenspendenden Bäumen und im Wind baumelnden quietschenden leicht angerosteter Blechtafel, die es als einzige Gaststätte im Ort identifizert, macht Lust auf eine Pause und einen Kaffee. Als einziger Gast muss ich mich erst mal mit Glockengebimmel bemerkbar machen, und mir einen Weg durch den noch im winterschlaf befindenden Gastgarten durch schnatternde Gänse zu bahnen, die in ihrem Geschnatter durch nichts zu stören sind, bevor der gemütliche Patron in seinen Birkenstocks herausschlapft und meinem Wunsch nach Trinkbarem nachkommt.

 

Zurück ins Auto und weiter geht's in Landesinnere Richtung Le Beausset, den mittelalterlichen Dörfchen Le Castellet und La Cadiere. Provence aus dem Bilderbuch lässt grüßen. Weinstöcke so weit das Auge reicht, unterbrochen mit Olivenbäumen, mit Zypressen gesäumte Alleen, getaucht in ein strahlendes Azurblau, garniert mit betörend duftenden Sträuchern am Straßenrand. Dazwischen, wie in einem Würfelspiel hingeworfen, uralte Bastiden, gemütliche Mas und luxuriöse Chambre d'Hôtes , soweit es unser Auge fassen mag. Rechts der Autoroute Le Castellet, das stolz auf einem Felsen thront und links La Cadiere mit seinem Kirchturm. Im typische provencalen La Cadiere mit seinen Cafehaustischchen auf den zweiebigen Hauptplatz, wie zu ebener Erde und im ersten Stock, unter schattenspendenden Korkeichen und den bunten Gemüseläden, herrscht noch Ruhe vor dem Touristenansturm.

Sehr lobens- und erwähnenswert finde ich dass der Parkplatz hier zumindest ausserhalb der Saison gratis ist! In Le Castellet geht's etwas touristischer aber auch historischer her. Die ehemalige Burg, in die seit einigen Jahren das Gemeindeamt eingezogen ist, wacht über dem kleinen Hauptplatz von dem sich die steinernen kleinen Gässchen in verschiedene Richtungen wie Mickimausschluchten durch die putzigen Steinhäuschen schlängeln um wieder in Miniplätzen mit Steinbrunnen, umgarnt mit Kunstläden und Cafés zu münden.

Da hier die Zufahrt regulär verboten ist, gibt's zum Glück auch keine Autos, herrlich, und vom Parkplatz sinds auch nur ein paar Stufen hoch zum Paradies. Der Ausblick schweift bis zur Calanque von La Ciotat ,und lässt erahnen, warum diese Landschaft auch ‚kleine Toskana‘ genannt wird.
Ausserhalb des Ortszentrum von La Cadiere versteckt sich mit eigener Zufahrt die Hostellerie Berard. Réné Berard mit dem Titel Maître Cuisinier de France gekürt, gekrönt von Michelin bis Gault Millaut, ist im Land der Kasserollen und Schöpflöffel bist weit über die Grenzen des Var bekannt ist. Hier gilt es nicht nur zum gourmanden Genuss zu halten, es darf mit dem Chefkoch persönlich in der Bastide des Saveurs der Kochlöffel geschwungen werden, um so mit einigen Tricks der Haute Cuisine die Freunde beim nächsten Dinner zu beeindrucken .


Zehn Minuten Fahrtzeit und wird sind wieder back on the coast, in Saint Cyr mit seinen kilometerlangen puderzuckerartigen Sandstränden Les Lecques. Hier wird im Sommer kräftig abkassiert, um Liegestühle und Schirme für die ganze Familie zu mieten, muss man schon tief ins Portemonnaie greifen. Auch bei Parkgebühren lässt man sich hier hauptsaisonstechnisch nicht lumpen. Jeder Quadratmilimeter wird abkassiert, und bei den vorherrschenden Dorfstrassenverhältnissen wundert keinen, warum die Mehrzahl der französischen ‚Bagnols‘ (Autos) verbeult um die Ecke kurven.
Am Hauptplatz von Saint Cyr dessen Ortskern einige Kilometer im Landesinneren liegt, thront eine der vier französischen Repliken der Freiheitsstatue. 1913 auf der ‚Place‘ installiert soll sie an den Anschluss ans erste öffentliche Wassernetz der Gemeinde erinnern. Warum? Nun ja, auch Fliesswasser zu haben bedeutet schliesslich ein grosses Stück mehr Freiheit.
Am Strand von Les Lecques entlang der Küste in den nebenanliegenden kleinen Fischerhafen La Madrague, vorbei an den unendlich weiten Sandstränden mit atemberaubenden Panorama der umliegenden Calanques. In La Madrague ist alles klein und niedlich, auch die Restaurants, die sich malerisch mit ihren bunt gedeckten Tischchen in das Kitschklischee unter azurblauem Himmel einfügen. Ein wahrer Romantikgeheimtipp, hier speisen Franzosen zu Mittag, und ausserhalb der Saison profitiert man zudem von freien Parkplätzen und der Platz mit Aussicht in den Restaurants.


Wer gut zu Fuß ist dem bietet sich noch eine Wanderung Richtung Port Alon, eine Calanque mit nichts als einem kleinen Restaurant am Strand. Natürlich geht's auch weniger anstrengend nutzt man den Parkplatz in Port Alon, wo man jedoch in Ermangelung von Parkplätzen als Wermutstropfen so richtig abgezockt wird.


Die D559 führt wieder zurück zu meinem Ausgangspunkt Richtung Sanary, nicht ohne vorher noch einen kleinen Abstecher ins nebenangelegende Bandol zu machen.

Hier ist alles einen Tick größer, aufwendiger und mondäner als in Sanary. Die Geschäftsmeile erstreckt sich wie ein Bandwurm bunt und schrill an der Quai entlang bis zum Casino. Ähnlich wie Sanary sonnt sich der schmucke Hafen, dessen Jachten schon beinahe Armadastärke erreichen, angesichts anbrechender Saisonen im Lichte des Tourismus.

Im angrenzenden gemächlichen Sanary noch immer als bourgois verschrien, denkt der Franzose bei Bandol zuerst an Wein, der kräftige Rotwein wird seit 1941 von einer AOC geadelt. Durch die Gros-Cerveau-Kette geschützt von Mistral, hat der Hafen, einstiger Handelshafen in dem Wein und Olivenöl verladen wurden, sich zum bekanntesten Urlaubsort der Region Toulon herausgemausert.

Die lange, herausgeputzte Uferpromenade gesäumt von charmanten Villen der vorigen Jahrhunderte, angehaucht mit Nostalgie der Belle Epoque, in deren Souterrains der Kommerz Einzug gehalten hat.

 

Bandol wurde schon sehr früh als Seebad der Schönen und Reichen entdeckt, schon vor dem ersten Weltkrieg führte die Schriftstellerin Katherine Mansfield die happy few von Bandol an. Angesichts der zahlungskräftige Klientel musste ein Casino her. Umgeben von feinsten Sandstränden, die sich bis ins nebenangrenzende Sanary fortsetzen. Ich bremse mich am Weg an der Plage d'Or noch kurz ein um in der Boulangerie noch eines dieser herrlichen, schmackhaften, leckeren Fougasse und Baguettes zu erbeuten.

Geschafft und müde lande ich in meinem Appartement, dankbar dafür dass ich endlich meine Treter abstreifen kann, meine Beine hochlagere und meinen Abend bei Sonnenuntergang auf der Terrasse ein Gläschen Bandol schlürfend ausklingen lasse. Die Palmen wiegen sich sanft im Abendwind, das Meer rauscht vor sich hin und die Möwen erzählen sich krächzend ihre Tageserlebnisse. Bevor ich total erschöpft ins Bett falle, denke ich noch , jaaaa, Gott muss wohl wirklich Franzose gewesen sein,.....

 

Allgemeines:

Nicht nur geographische Lage machts. Toulon liegt zentral und direkt an der Côte d‘Azur, zudem sind in Tages- oder Halbtagesausflügen viele sehenswerte Ziele erreichbar.

 Um nur einige zu nennen: Nach Nizza (internationaler Flughafen) sind es ca. 170 km, Marseille 60 km, Aix en Provence 80 km, Saint Tropez 60 km, Gorges de Verdon 60 km.

Toulon/Hyeres besitzt einen eigenen nationalen Flughafen - der nächste internationale Flughafen ist in Marseille. Allerdings liegt der westlich von Marseille und es ist notwendig die ganze Stadt durchqueren, trotz eines Tunnels unter dem alten Hafen sind die Autorouten in und um Marseille tendenziell verstopft.

 

Anreise:

 

Per Auto:

ab Wien 1350 km bis Toulon (via Venedig und Mailand)
Das Positive es ist alles Autobahn, der Wermutstropfen, in Italien und Südfrankreich ist die Maut teuer. Pro Strecke ca. 70 EUR/PKW, rechnet man noch die derzeitigen Spritkosten auf, kommt ein Flug um einiges billiger. Allerdings gilt es abzuwägen wie lange man bleiben möchte und wie flexibel man sein möchte, denn ein Mietwagen der Mittelklasse schlägt sich ob günstiger Angebote dann auch schon mal schnell zu Buche.


Flüge: Günstiganbieter wie Sky Europe oder Air Berlin fliegen schon ab 19 EUR (exkl. Gebühren) nach Nizza
 

Unterkunft:

Kultig im Hôtel La Tour, Sanary
24, quai Général de Gaulle 04.94.74.10.10 www.sanary-hoteldelatour.com
Direkt am Hafen von Sanary gelegen mit Terrasse direkt am Meer, lässt sich das Frühstück in der Morgensonne unter herumsegelnden Seemöwen geniessen. Hotel ganzjährig geöffnet. In den mittelalterlichen, die Skyline von Sanary bestimmenden Turm ist das Museum „Musée de l'Histoire de la Plongée" eingezogen, das sich der Geschichte des Tauchens verschrieben hat. Restaurant von 1.12.-10.1. geschlossen. EUR 53-110, Frühstück 8 EUR

 

Familiär im Hotel Le Mas de la Frigoulette **, Sanary
www.lafrigoulette.com
lemasdelafrigoulette@wanadoo.fr
130, avuenue des Mimosas 04.94.74.13.46

Familiärer Betrieb mit reizenden Gastgebern, freundlichem Personal und guter provencalischer Küche zu fairen Preisen. Netter begrünter Gastgarten mit Pool mit dem Chef hinter der Theke, der immer zu einem Plausch aufgelegt ist. Leider sind in der Hauptsaison Hunde nicht erlaubt, aber in der Nebensaison drückt der Patron ein Auge zu.  Nahe dem Strand von Portissol . Ganzjährig geöffnet. (Zimmer 45-120 EUR)

 

Essen:
Eine Unzahl von Restaurants, Brasserien, Fischrestaurants, traditionellen und Restaurants die sich der neuen kreativen Küche verschrieben haben, machen es beinahe unmöglich alle zu erwähnen. Soviel sei dazu gesagt:

 

Ich hatte bis dato keine einzige schlechte Erfahrung, das Personal ist durchwegs sehr freundlich und zuvorkommend, die Speisen vorzüglich zubereitet, die Preise für Mittagsmenüs (Plats du jour) halten sich auch in Grenzen (ab 11 EUR). Bei der Auswahl der Restaurants habe ich mich immer voll und ganz auf mein Gefühl verlassen.

 

Maison du Tourisme
1, Quai du Levant (am Hafen), Sanary-sur-Mer
www.sanarysurmer.com maison.tourisme.sanry.sur.mer@wanadoo.fr
04.94.74.01.04

 

Pavillon du Tourimse
Allées Viven - Bandol
www.bandol.fr otbandol@bandol.fr
04.94.29.41.35

 

Office du Tourisme
Six Fours Les Plages
Am Plage de Bonnegrâce
04.94.07.02.21